Logotherapie-Suche

Netzwerk Logotherapie

www.netzwerk-logotherapie.de

Für Klienten | Für Therapeuten | Informationsforum | Über das Netzwerk | Über Logotherapie

Netzwerk Logotherapie - das Logotherapeuten-Verzeichnis

Über Logotherapie

 

Sinnverlust durch Krankheit?

 

Zum Stellenwert narrativer Logotherapie bei chronischen Erkrankungen

 

von Cornelia Schenk, Buchautorin und Dozentin,
Praxis für sinnorientierte Psychotherapie (HPG), Logotherapie und Existenzanalyse
Artikel als PDF-Datei

 

Krankheiten, die sich als unheilbar erweisen und mit deren Auswirkungen man ständig konfrontiert wird, führen zu hohen psychischen Belastungen. Die Krankheit schwächt, droht mit Verschlechterungen, macht Angst und Sorgen, verführt zum Grübeln.
Aus diesen psychophysischen Bedingtheiten heraus entwickeln viele Patienten Sinnlosigkeitsgefühle, die Frankl als existenzielles Vakuum zu bezeichnen pflegt.

Meiner Erfahrung nach wird die Frage nach dem Sinn in einem scheinbar sinnlosen, oft progredienten Krankheitsgeschehen zur allbeherrschenden Dringlichkeit und der Patient erwartet in der Beratungsstunde eine befriedigende Antwort.

Hier ist wie keine andere Psychotherapie die Logotherapie und Existenzanalyse gefragt in ihrem Ringen um die heile geistige Existenz des Homo Patiens.

"Ich bin kein schlechter Mensch. Ich habe nichts verbrochen. Können Sie mir sagen, warum mich der Herrgott so straft? Was habe ich ihm angetan?" so fragte mich ein älterer Mann, seit vielen Jahren Diabetiker mit einer Unterschenkel- und einer Oberschenkelamputation, der Pfarrer habe es ihm auch nicht sagen können, setzte er verbittert hinzu.
Und auf die gesundheitlichen Ratschläge der Ärzte und Ernährungsberaterinnen höre er nach all den Jahren der Verschlechterung schon lange nicht mehr.

Das Krankenhauspersonal sagt, der Patient sei selber schuld an seinem Schicksal, denn er halte sich nicht an die Regeln, sei einfach unbelehrbar. Dieser wiederum hält die Ärzte für Pfuscher, die seine Krankheit nicht in den Griff bekämen und die Schuld dafür noch bei ihm suchten. In seiner Not wandte er sich an seinen Pfarrer. Der sprach wohl etwas hilflos von Gottes Willen. Was sollte der Mann damit anfangen? Seine Krankheit als einen Akt er Bestrafung, oder noch schlimmer als einen Willkürakt göttlicher Machtdemonstration zu deuten?

In der alltäglichen Krankenhausroutine nur ein typischer Fall von vielen. Nicht einmal besonders spektakulär und doch exemplifiziert er etwas in aller Klarheit.

Auch bei chronische Erkrankungen treibt der Reduktionismus, die Engführung auf subhumane Phänomene, munter seine Blüten. Als Beispiel seien die seit einiger Zeit angelaufenen Disease-Management- Programme (DMP) genannt. Es geht nach dem Willen des Gesetzgebers um Vorsorge, Behandlungen und Schulungen, die zu Paketen geschnürt werden, um höhere Effizienz und geringere Kosten im Gesundheitswesen zu erreichen. Zur Qualitätskontrolle sollen Patientendaten erhoben werden. Das Ideal wäre der gläserne Patient, erfassbar, messbar, verortbar.
Wird man aber auch den Zustand seines Geistes ermessen können?
Wie viel Einsicht haben die an diesen Programmen beteiligten Mediziner, Psychologen, Theologen und andere Helfer in ein dimensionalontologisch geprägtes Menschenbild? Die Wahrnehmung der geistigen Person und ihrer oft noogen Neurosen hinter der schicksalhaften Erkrankung wäre eine entscheidende Grundvoraussetzung, um die verschiedenartigen Wege aller Fachdisziplinen auf der spezifisch humanen Ebene zu vereinen - zum Wohl und Heil des Patienten.
Stattdessen erlebe ich in der Praxis die mechanische Zweiteilung menschlichen Lebens in Leib da und Psyche dort, während der Geist nur als ein neurobiologisches Forschungsfeld zu existieren scheint.
Die eigentliche Not des Patienten, nämlich seine Sinnkrise in Anbetracht der körperlichen und seelischen Belastungen kann so nicht gewendet werden.

In meiner logotherapeutischen und existenzanalytischen Arbeit schlägt sie mir in Gestalt folgender Fragen entgegen:
Warum den Körper gut behandeln, wenn es kein wozu gibt?
Warum die letzten Tröstungen wie Alkohol, Tabak und Süßes aufgeben, wenn die Leistungsgesellschaft dazu neigt, den Rolli unter Missachtung seiner Person zum Versorgungsfall oder Kostenfaktor zu machen?
Wofür ist man noch gut?
Um ein sinnlos und wertlos empfundenes und deshalb zutiefst trostloses Leben weiterzuführen?
Was soll das Ganze also?
Das ist die unausgesprochene Denkweise, die man in der Beratung unter all den Schichten des Zynismus, der abgebrühten Flapsigkeit und der manchmal alkoholgeschwängerten Coolness erfühlen muss, um den Patienten nicht noch tiefer in seine Sinnlosigkeitsgefühle hineinzutreiben.

Verbitterung und Resignation sitzen tief und erweisen sich mitunter als genauso chronisch wie die körperliche Erkrankung. Die Frage nach dem Sinn muss behutsam an das helle Licht des Tages gehoben werden.

In diesem Zusammenhang stellt sich mir die Frage nach der passenden Methode:
Wie kann ich abwehrbereite Patienten wieder für ihr Sinngefühl und -empfinden sensibilisieren, damit auf dieser Grundlage die Suche nach Sinnzusammenhängen und neuen Sinnmöglichkeiten auf logotherapeutische und existenzanalytische Weise weitergeführt werden kann?1
Wie kann ich den Panzer der Gleichgültigkeit gegenüber einem lebenswerteren Leben sprengen, das geistige Empfindungsbewusstsein der Patienten berühren, damit sie doch mehr aus der Beratung mitnehmen können als nur die bittere Befriedigung, die Logotherapeutin als eine weitere Dummschwätzerin entlarvt zu haben, die die Sinnfrage nicht zu ihrer Zufriedenheit klären konnte?

Kognitiv orientierte Gesprächsangebote stoßen bei vielen Patienten schnell an Grenzen.
Deshalb entscheide ich mich in solchen Fällen für eine narrative Einstimmung, die durch ihre bildreiche und symbolhafte Sprache zu einem anschaulichen Mittel werden kann,
Narrativ gerade im Bereich dauerhafter Belastungssituationen zu arbeiten, halte ich für eine große Bereicherung2. Denn Geschichten, Märchen, Fabeln, Parabeln oder Gedichte machen Mut, erschließen Gefühle, berühren die Seele, geben Anstöße zur persönlichen Weiterentwicklung. Elisabeth Lukas spricht in diesem Zusammenhang von Daseinserhellung und Neurosenbefreiung3

So kann durch das Medium Märchen ein guter Beratungsanfang gelingen
Für mich ist es auch eine reizvolle Arbeit, mit eigenen Worten die heilsamen Kräfte des Geistes wie Intuition, Humor, Hoffnung, Glauben oder Mitgefühl in ein märchenhaftes Gleichnis zu fassen, das den Sinn des Leidens transportiert.
Das Märchen dient mir als Schlüssel für weitere Beratungsstunden und der Patient erkennt im besten Fall seine Situation wieder, wird nachdenklich.
Zunächst nur den Inhalt des Märchens zu hören und darüber zu sprechen, erlaubt noch eine gewisse Distanz zum eigenen Leben und weckt dennoch Interesse und Willen zur persönlichen Sinnfindung, im besten Fall kommen sogar vergessene kreative Betätigungsfelder wieder zum Fließen.
Aus den Fragen, Fantasien, Möglichkeiten und der Kritik, die der Patient mit "seinem" Märchen verbindet und je nach Situation und Gesprächsverlauf stelle ich die "Hausaufgabe", das Märchen der eigenen Lebenssituation gemäß umzugestalten oder sein persönliches happy-end zu entwerfen usw.
In den nächsten Stunden kann mit Hilfe dieses Materials sowohl der unbedingte Lebenssinn (den zu stärken und zu bejahen gerade in einer solchen Lage besonders bedeutsam ist ) als auch der je konkrete Lebenssinn des jetzigen Augenblicks (wieder-) entdeckt werden.

So hat der beinamputierte Mann seine Liebe zur Natur, besonders zum Wald wieder entdeckt. Nicht nur ausgedehnte Wanderungen mit dem Rollstuhl erfreuen ihn wieder - trotz allem, sondern er will seine besonderen Kenntnisse über Wald, Flur, Fauna und Flora nun auch anderen Menschen zugänglich machen, etwa bei Schulausflügen oder Seniorenwandertagen.

Nachfolgend nun ein selbst gestaltetes Logos- Märchen. Ich habe es für eine Patientin ersonnen und mit ihr weitergestaltet, die nur eines wollte, ihre gesunde Vergangenheit zurückbekommen und sich damit jede Chance auf einen Neuanfang und eine Weiterentwicklung nahm bzw.gemäss ihrer Auffassung, dass sie ihr genommen wurde. Von wem? In diesem Zusammenhang spricht Lukas von einer Anspruchshypothese, die der Patient als erstes fallen lassen muss, um wieder Hoffnung zu schöpfen.4

 

Ein Logos Märchen

Es war einmal eine tüchtige und erfolgreiche Frau, ihr tägliches Leben bestand aus Stress und Zeitmangel. Sie wollte vieles auf einmal erreichen und mit Ungeduld verfolgte sie ihre Vorstellungen vom Glücklichsein. Genauso eben, wie es dir und mir ergeht.
Eines Tages besuchte sie unerwartet die tückische Matrone Krankheit und begehrte für immer bei ihr zu wohnen. Rücksichtslos quartierte sie sich ein, nahm das schönste Zimmer in Anspruch und alles wurde anders.
Mühsam versuchte die Frau dem ungebetenen Gast, Platz in ihrem Leben einzuräumen und mit ihm auszukommen. Es war anstrengend, mit ihm leben zu müssen. Er verlangte Sonderwünsche und -behandlungen. Nie gab er sich zufrieden.
In schlaflosen Nächten bohrte sich das Wort Warum wie ein schwarzes Fragezeichen in ihr Herz. Doch eine Antwort fand sie nie.
Gegenwart und Zukunft vernachlässigte die Frau in ihrer Trauer um die vergangenen Zeiten. Die Sorglosigkeit und die Möglichkeiten eines Menschen, der nicht von Matrone Krankheit belästigt wird, schienen ihr auf immer verloren.
Das elende Heute verwandelte die Vergangenheit in das Paradies.
Gib es mir zurück, mein altes Leben, so trotzte die Frau mit Gott und der Welt.
Sein Engel, der das sinnlose Leiden nicht länger mit ansehen wollte, machte sich auf den Weg zu der Unglücklichen. Er nahm sie bei der Hand und führte sie zum Garten ihrer Vergangenheit. Auf ein Zeichen des Engels schwangen seine Tore auf.
Dein Wunsch soll in Erfüllung gehen, sprach er mit sanfter ernster Stimme, trete ein und kehre in dein altes Leben zurück.
Die Frau blieb zögernd stehen und sah sich beklommen um. Zur rechten Seite des Gartens bauten Menschen ein Haus. Sie waren nicht schön an zu sehen. Mit Sauerstoffmasken und Infusionsgeräten mühten sie sich ab, den Bau zu vollenden. Manche saßen in Rollstühlen oder stützen sich auf Krücken. Blass, kahlköpfig, mit geschwächten Sinnen und Gliedmaßen ließen sie trotzdem nicht ab von ihrer Arbeit.
Kinder mit fehlerhaften Herzen oder mondförmigen Mongolengesichtern pinselten mit geschickten Fingern das Wort Logos auf jeden Stein.
Nie sah die Frau eine helleres und farbenfroheres Gebäude als dieses. Und während sie die Arbeiter beobachtete, wuchsen die Stockwerke dem Himmel entgegen, sodass die Strahlen der Sonne das Bauwerk in goldenen Widerschein tauchten.
Woher nehmen diese Menschen die Kraft, ein so großes Haus zu bauen, krank wie sie sind? fragte die Frau ihren Engel erstaunt.
Dieser lächelte leise.
Es ist eine Kraft, die jeder in sich trägt. Man nennt sie auch den Willen zum Sinn. Damit schaffen sich diese Menschen Räume der Liebe, der Hoffnung, des Glaubens. Denn Krankheit und Leid sollen nicht das letzte Wort in ihrem Leben haben.
Diese Kraft habe ich nie in mir gefühlt, wunderte sich die Frau.
Sachte berührte der Engel das Herz der Frau. Leid kann zerstören, Leid kann bewegen.
Wer darf das entscheiden? fragte die Frau etwas ungehalten den Engel.
Wieder berührte der Engel das Herz der Frau. Du, gab er schlicht zurück, nur du allein. Es ist ein Geheimnis, das es zu entdecken gilt: Leid das angenommen wird, lehrt Wertvolles und Lebenswertes.
So ein Unsinn, wehrte die Frau ab, ohne viel zu überlegen, aber sage mir, was bedeutet Logos?
Der Engel antwortete: In jenem Wort verbirgt sich die uralte Weisheit, dass der Mensch in jeder Lebenslage das Sinnvolle entdecken und bejahen kann. So betritt derjenige, der seinem Leiden Sinn abringt, den Pfad, an dessen Ende die Freude steht..
So ein Unsinn, antwortete die Frau abermals ohne zu zögern, mein Schicksal ist so sinnlos wie freudlos.
Der Engel schwieg geduldig, er wollte nicht besserwisserisch wirken und zog die Frau durch die Pforte in den Garten der Vergangenheit. Eingebettet in das Funkeln der Sonne, im Glitzer des taubedeckten Rasens entfalteten sich die Stationen ihres alten Lebens und alles wurde wieder wie früher.
Das Herz der Frau klopfte vor Glück bis zum Hals. Ihr innigster Wunsch war in Erfüllung gegangen. Jubelnd rief sie in den Garten hinein, dass sie fühle, wie der Albdruck schweren Leidens von ihr abfalle wie welkes Laub. Nun würde alles gut und das Echo warf ihre Worte tausendfach zurück.
Ihr Engel lächelte verhalten, dann zog er sich diskret zurück. Voller Tatkraft lief die Frau immer weiter in den Garten.
Aber nach einiger Zeit verwandelte sich ihr umfassendes Glücksgefühl in Erschöpfung. Denn die alten herbeigesehnten Gewohnheiten wichen wie tote Schemen von ihr und boten keine Anknüpfungspunkte mehr.
Zerborstene Brücken und unzugängliche Geröllhalden versperrten ihr freies Fortkommen.
Fremd war sie geworden im eigenen Land.
Der Abend begann zu dämmern, Nebelfelder flirrten über dem Garten und je mehr die Frau suchte, um sich ein wohnliches Nachtquartier zu sichern, um so grauer und schattenhafter erschien ihr alles. Nur im hintersten Winkel drang ein einladender Lichtschein aus einem Häuschen klein.
Die Frau lief aufatmend darauf zu und als sie klopfte, wurde ihr von einer alten weisen Frau aufgetan.
Aufmerksam hörte sie sich die Klagen ihres Gastes an:
An die Vergangenheit anknüpfen und alles wieder so haben wollen, wie es einmal war, kostet alle Lebensenergie. Wer an der Vergangenheit festhält, wird darin umkommen, das solltest du wissen.
Die Frau widersprach lebhaft:
Ich habe es nicht genug geschätzt mein früheres Leben. Es war zu selbstverständlich, zu gering und zu klein. Aber seit Matrone Krankheit bei mir wohnt, weiß ich es war der Himmel auf Erden. Jetzt habe ich meine Lektion gelernt und werde alles besser machen.
Die alte Weise wiegte zweifelnd ihren Kopf:
Nur die Gegenwart kann gestaltet werden. Morgen schon ist sie festgeschriebene Vergangenheit. Vergangenheit ist nicht wandelbar. Sei dankbar für das Gute in deiner Vergangenheit und wärme dich an den Strahlen der Erinnerung. Du irrst dich, wenn du glaubst, Matrone Krankheit fesselt dich, du selbst schmiedest deinem Leid schwere Ketten, die dich in die Hölle der Hoffnungslosigkeit ziehen.
Schweren Herzens eilte die Frau zurück zum Eingang, getrieben von den Worten der Alten. An Bäumen, Blumenrabatten, Gewächshäusern, Kräuterbeeten und Fruchtoasen vorbei, die ihr altes Leben geschmückt hatten, wies ihm der Engel den Weg aus dem Paradies. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und jede Träne, die den Boden benetzte, verwandelte sich in ein Samenkorn der Erinnerung.
Am Eingang angekommen, drehte sich die Frau noch einmal zurück. Da lag der Garten im Mondenschein, die Nebel hatten sich gelichtet. Ein Meer von goldfarbenen Glockenblumen, deren zierliches Geläute den Garten durchbebte, neigte sich ihr Abschied nehmend zu und ihr feiner Blütenstaub umhüllte sie wie ein seidenes Gewand.
Alles andere im Garten aber war versunken zu Schutt und Asche.
Der Engel blickte versonnen.
So durchschritt die Frau die Pforte und betrat wieder den Raum der Gegenwart. Zu ihrer linken Seite wurde eine Mauer gebaut. Wieder sah sie leidende Menschen Steine hoch schichten. Auf jedem Stein stand in schwarzer Farbe eingemeißelt das Wort Leid. Die Menschen bauten verdrossen, düster und schweigend.
Warum macht ihr das? Offensichtlich habt ihr wenig Freude an eurem Tun, fragte die Frau.
Wir wollen unserem Leid ein Denkmal errichten zur ewigen Erinnerung an das, was wir verloren haben. Im Schatten seiner wuchtigen Mauern wird die leidvolle Gegenwart verkümmern. Unsere ganze Kraft geben wir, um das Alte festzuhalten.
Der Engel sah sehr traurig aus bei dieser hartherzigen Antwort.
Nachdenklich tat die Frau einen weiteren zögerlichen Schritt in den Raum der Gegenwart. Ihr Engel nahm sie fest an der Hand. Die Mauer des Leidens bindet an die Vergangenheit. Deshalb lass uns hier nicht stehen bleiben.
So gelangten sie in einen grauen Hof. Hässlicher Waschbeton, schmutzige Wände starrten der Frau entgegen, aus geplatzten Steinplatten zwängten sich Löwenzahn und wilde Triebe zum Licht.
Entsetzt sah die Frau ihren Engel an:
Hier bleibe ich nicht, flüsterte sie gequält.
Aber der Engel lächelte. In seinem Gesicht las sie Güte und Ermunterung
Einen anderen Ort gibt es für dich nicht. Dieser Hof ist dein Schicksal, er ist deine Gegenwart. Hier kannst du weiterhin deiner Trauer Raum geben und dein Schicksal anklagen, weil es dir diesen schmutzigen Hinterhof zumutet. Ja, das kannst du machen....
Der Engel überlegte kurz, bevor er weiter sprach:
Du könntest aber auch erwägen, den Hof zum Blühen zu bringen, seine traurigen Schattenseiten mit Lebensfreude zu erfüllen.
Wähle!
Aber ich bin krank und leidend, du erwartest zuviel von mir, wollte die Frau erwidern, früher, ja früher da hätte ich...
Aber der Engel befand sich schon auf dem Weg nach Hause. Selbstmitleid konnte er nicht ertragen. Er winkte der Frau noch einmal von hoch oben zu und öffnete seine Hände. Ein goldenes Blatt wirbelte durch die Luft und landete zu ihren Füßen.
In hell glänzenden Lettern stand darauf geschrieben.
Zur Erinnerung
Jedes Leid ist vergänglich, Freude aber ewig. Deshalb ist es die höchste Lebenskunst, sich in der Freude zu erhalten5.
Mitten ins Herz traf die Frau diese Botschaft und riss es aus seiner starren Unbeweglichkeit. Nicht länger sollte es im Kerker sinnlosen Leidens am Unvermeidlichen eingemauert sein.
Nicht länger sollten Leugnen, Zagen und Verdrängen ihr Leben für immer verdunkeln.
Entschlossen schüttelte sie den Blütenstaub der Glockenblumen aus ihrem Gewand, um Bienen und Schmetterlinge in den grauen Hinterhof zu locken. Sie wusste auch schon, wie sie ihre Beete der Hoffnung, der Liebe, des Glaubens, der Zärtlichkeit, der Dankbarkeit und der Erinnerungen gestalten würde. Vor ihren Augen entstand die Vision blühender Blumenfelder, die sich im Hauch des Sommerwindes wiegen.
So holte die Frau den Spaten aus der Ecke, um zu beginnen. Leicht seufzend dachte sie an den Muskelkater in den Armen, die Schwielen an den Händen. Doch es schien ihr ein wohlfeiler Preis. Mit jedem Spatenstich wuchs ihr Glaube an den Sieg der Freude über das Leid
und mit Demut gestaltete sie ihr Leben mit der Krankheit. Nicht gezwungenermaßen, sondern aus freiem Willen.
Krankheit Matrone aber musste umziehen in eine kalte und winzige Dachstube.

Über dieses Märchen bekam ich Zugang zu der Patientin. Es brach so etwas wie ein erste Akzeptanz durch, eine Einsicht ihrer sinnlosen Haltung und dann folgte langsam ein Fließen der Trotzmacht des Geistes.

Und es war ihre Idee, den Garten im Märchen für jene Kranken zu gestalten, die in Freude ihr Haus erbauten. Sie wollte mit ihnen in Verbindung treten, weil so das Leben nicht nur leichter, sondern auch sinnvoller würde. Dass die Patientin die Brücke vom Ich zum Du aus eigenem Antrieb schlug, freute mich sehr und führte mir auf sehr beeindruckende Weise die Wirkmacht der Logotherapie vor Augen. So wie Frankl befand: Der Mensch ist imstande, eine persönliche Tragödie in einen menschlichen Triumph umzusetzen.

 

Anmerkungen

1 Vgl. auch Elisabeth Lukas, Lehrbuch der Logotherapie, Profil, München, Wien, 2.Aufl. 2002, S.159 ff

2 Vgl. dazu auch Viktor E. Frankl, Psychotherapie für den Alltag, Herder, Freiburg, 10.Aufl. 1992, S. 163 ff

3 Vgl. dazu auch Elisabeth Lukas, Psychotherapie in Würde, Beltz Verlag, Weinheim, Basel, Berlin, 2003, S.79 ff

4 Elisabeth Lukas, Lehrbuch der Logotherapie, Profil Verlag, München, Wien 2.Aufl. 2002, S. 162

5 sinngemäß zitiert aus Dr.O.Zsok's Vorlesungen im SS2005, FFB

 

Literatur

Viktor E. Frankl : Psychotherapie für den Alltag.Verlag Herder, Freiburg, 10.Aufl. 1992

Elisabeth Lukas: Lehrbuch der Logotherapie. Profil Verlag, München, 2002

Elisabeth Lukas: Psychotherapie in Würde. Sinnorientierte Lebenshilfe nach Viktor E. Frankl. Beltz Verlag, Weinheim, Basel, Berlin, 2003

Viktor Frankl: Der unbewusste Gott, dtv, München, 1988

 

Autorin

Cornelia Schenk, Buchautorin und Dozentin,
Praxis für sinnorientierte Psychotherapie (HPG), Logotherapie und Existenzanalyse

Hessingstraße 2
D-86199 Augsburg
0821/550243

Web: www.corneliaschenk.de
Email: info@corneliaschenk.de

 

Weitere kollegiale Netzwerke:

| Paartherapie | Familientherapie | Sexualtherapie | Psychotherapie | Hypnotherapie |

| Gestalttherapie | Gesprächstherapie | Verhaltenstherapie | Tiefenpsychologie | Logotherapie |

     Startseite          Impressum          Links          Banner          Mail          Empfehlung          Bewertung          Suche